Zuviel Wandel – oder doch zu wenig?

Die Digitalisierung geht in die nächste Runde. Es geht künftig nicht mehr darum, alte Geschäftsmodelle (Schallplatte, Kaufhaus, Bankschalter, Buchladen) zu hacken. Alles nice to have: Aus dem analogen Handel wurden digitale Dienstleistungen, die uns alle begeisterten. Konzerne wie Amazon und Apple avancierten dadurch zu den reichsten Unternehmen der Welt. Zu gesellschaftlichem Reichtum und der Problemlösungskompetenz unserer Gesellschaft haben sie indes wenig beigetragen.

 

Die Digitalisierung hat bislang vor allem unsere Komfortzone als Konsumindividualisten erweitert. Immer treffsicherer finden wir via Suchmaschine die Spezialklinik für unsere Zipperlein, während der Klimawandel gerade die Natur verändert, Ernten ruiniert und Migrationsbewegungen in Gang setzt. „Kunden, die diesen Turnschuh kauften, schossen sich auch diese Hose“ – währenddessen rumpelte sich der Brexit voran und der Rechtspopulist Donald Trump gewann über Facebook und Twitter die US-Wahlen. Während wir auf Spotify auch noch den abseitigsten Song browsen, verpassen wir die Energiewende und haben immer noch keine neue Batterietechnologie als die Lithium-Ionen-Akkumulatoren entwickelt.

Die ach so disruptiven Innovationen der Digitalisierung der letzten zehn Jahre schlagen sich im Bruttosozialprodukt nach wie vor kaum nieder. IT liegt mit einem weltweiten Wertschöpfungsanteil von gerade einmal sechs Prozent weit hinter den Sektoren Produktion (17 Prozent), Gesundheit (zehn Prozent) und Energie (acht Prozent).

 

Ist das wirklich alles, was die so genannte digitale Revolution an Problemlösungskompetenz zu bieten hat? Die Erderwärmung beschleunigt sich, Plastikmüll erstickt die Meere, Innenstädten geht die Atemluft aus, unsere Demokratie geht vor die Hunde, tumbe SocialMedia-Stammeskulturen ersetzen Informationen und Weltbezug.

 

Vielleicht sollten wir die Digitalisierung, wie wir sie kennen, schnell ad acta legen. Ihre verheißenen Disruptionen haben sich lediglich als kommode Systemoptimierungen unseres Konsumlifestyles herausgestellt. Die neuen Technologien wie Vernetzung, Künstliche Intelligenz, selbstlernende Software, Sensorik, Big Data, Virtualisierung und auch die Automatisierung bieten jedoch Chancen, die über die selbstgefällige Konsumoptimierung weit hinauszugehen. Ich denke, angesichts der globalen Herausforderungen durch Megatrends wie Klimawandel, Ungleichheit, Energie- und Mobilitätswende bleibt uns schlicht keine andere Wahl, als diese neue Technologien endlich in ihrem emanzipativen Potenzial zu erkennen und – statt der wohlfeilen „Disruption“ unserer Konsumbefindlichkeit – daran zu gehen, die Welt zu verändern.

 

Ich will die sich auftuenden Möglichkeitsräume kurz anhand von drei Schlüsselmärkten skizzieren:

 

1. Mobilität: Das Problem ist nicht der richtige Antrieb, sondern, sondern der Besitz an Mobilität – autonome Mobilität schafft private Mobilität ab: Der Hype um die Elektromobilität und Elon Masks Gigafactories hat uns den Blick auf eine wirklich bahnbrechende Mobilitätswelt verstellt. Laut einer Berechnung des MIT müssten allein in den USA mehr als 150 Gigafactories gebaut werden (von welchem Geld?, wer ist dazu in der Lage?), um zwischen 20 und 30 Prozent Elektromobilität allein in den USA zu ermöglichen. VW geht von 40 Gigafactories aus, um bis 2025 den Markt der Elektrofahrzeuge in Gang zu bringen. Das sind „low hanging fruits“ angesichts dessen, was Schadstoffkonzentration in den Innenstädten und allgemeine CO2-Belastung durch Verkehr als disruptive Herausforderung eigentlich an Lösungen von uns verlangen. Szenarien, wie sie beispielsweise die Standford-Forscher um Tony Seba entworfen haben, würden es durch autonome Mobilität (und solarbetriebene Elektrofahrzeuge) gestatten, die weltweite PKW-Zahl bis 2030 auf 30 Prozent des aktuellen Bestands zu reduzieren.

Und in einer Welt, die dann ohne Staus, ohne Parkplatzsuche und nervende Zeitverluste auskäme, würde laut der Studie der US-Bürger mit einer Trillion US-Dollar (!) an zusätzlichem Einkommen belohnt – schlicht weil der Privatbesitz an Automobilität wegfiele. Autonomes Fahren wird unsere Welt aber tatsächlich nur dann fundamental verändern, wenn wir uns vom Privatbesitz an PKW-Mobilität verabschieden. Klar, dass die Autobauer das nicht gerne hören. Sie beteuern, dass sie am Thema autonomes Fahren dran sind. Keine Diskussion jedoch darüber, dass damit das eigene Geschäftsmodell endgültig im Mülleimer der Geschichte landete und wir uns ein neues Mobilitäts-Mindset aneignen müssten. Nur wenn wir selbstfahrende Mobilität (in Form von Robo-Taxis, Kleinbussen, die Teil des ÖPNV sind) künftig als kollektive Mobilität organisieren, wird daraus eine substanzielle Innovation. Klar auch, dass sich in einem solchen Szenario die ungelöste Frage der CO2-Emissionen im Verkehr (der einzige Sektor in Europa, der nach wie vor ansteigende Emissionen produziert) mit einem Schlag beantworten ließe.


2. Gesundheit: Künstliche Intelligenz überflügelt den menschlichen Blick und macht Medizin effizienter und personalisierter:
Mit selbstlernender Software ausgerüstete Computer am Deutschen Krebsforschungsinstitut in Heidelberg (DKFZ) diagnostizieren Hautkrebs schon jetzt signifikant treffsicherer als ausgewiesene Experten (95-prozentige statt 86-prozentige Trefferquote). Auch die schrecklichen Fehldiagnosen, wo Krebs diagnostiziert wird, aber bei einem zweiten Kontrollblick nicht nachweisebar ist, lassen sich mithilfe der Künstlichen Intelligenz besser ausschließen. Automatisierte Diagnoseverfahren wie die von Kheiron Medical werden künftig den (teureren) zweiten Blick des menschlichen Experten ersetzen. Das britische Startup viz.ai verwendet maschinelles Lernen, um Anomalien in Gehirnscans zu identifizieren, die selbst erfahrene Ärzte nur schwer erkennen. Das könnte die Zahl der Schlaganfälle (dritthäufigste Todesursache in den USA) deutlich reduzieren.

Zwischen 2001 und 2018 sind die Kosten für eine Gensequenzierung von 98 Millionen US-Dollar auf läppische 1.000 US-Dollar gesunken. Das ist deshalb so wichtig, weil dadurch endlich der Weg zur personalisierten Medizin frei wird. Jede Krebsform ist bei jedem Patienten anders ausgeprägt. Mittels der Gensequenzierung erhalten Krebspatienten individuell abgestimmte Therapievorschläge. Eine Forschergruppe der Berliner Charité legt im Computer ein molekularbiologisches Double des Patienten an und lässt die Software testen, welches Medikament das Beste ist.

 

3. Landwirtschaft: Mit Künstlicher Intelligenz pestizidfreie Landwirtschaft möglich machen: Zu diesem enormen Möglichkeitsraum des anstehenden technologischen Wandels gehört, das wird einige überraschen, auch die Landwirtschaft. Wir müssen in den nächsten Jahren konsequent die klimabelastende Landnutzung durch intelligente Technologienutzung ersetzen. Das haben Menschen, seit vor 12.000 Jahren mit der Landwirtschaft begonnen wurde, schon immer gemacht.

Vertical Farming (Wasser, Nährstoffe und LED-Licht) und Aquaponik (Fisch- und Pflanzenzucht) werden bis ins Jahr 2030 hier neue Lösungen liefern. Der landwirtschaftliche Campus von Square Roots, einem Startup-Unternehmen, befindet sich in Brooklyn in der ehemaligen Fabrik des Pharmaherstellers Pfizer. Jeder Container (30 Quadratmeter) produziert mehr als 50 Pfund Blattgemüse jede Woche und braucht dafür nur acht Gallonen Wasser pro Tag. Anders als bei der Feldwirtschaft läuft die Produktion natürlich 365 Tage im Jahr, sieben Tage pro Woche, 24 Stunden pro Tag – und Lebensmittel werden dort produziert, wo sie auch konsumiert werden: in der Stadt.

Künstliche Intelligenz ersetzt die Chemiekeule: Eco Robotix aus der Schweiz hat kürzlich erfolgreich einen ersten Feldversuch absolviert: Der 130 Kilogramm schwere, solarbetriebene Unkrautvernichtungs-Roboter arbeitet ohne Fahrer oder Bedienungsperson. Es orientiert sich mittels GPS, Kamera und Sensoren im Feld. Mit einem speziellen Bilderfassungssystem erkennt der Roboter das Unkraut, zwei Roboterarme sprühen Kleinstdosen Unkrautvernichter. Mit der gezielten Behandlung kann die Giftmenge auf einen Bruchteil reduziert werden. Precision Farming und Ernteroboter werden in den kommenden Jahren den Fachkräftemangel im Agrarsektor abfedern.

 

Noch nie haben neue Technologien uns in die Lage versetzt, so schnell die Welt zu verändern. Noch nie war so viel Zukunft möglich. Nur müssen wir endlich damit anfangen, unsere gigantischen technologischen Möglichkeitsräume als Zukunftsinstrumente (und nicht als billige Erlösungsversprechen à la Google) zu nutzen. Dafür brauchen wir keine weiteren wohlfeilen Pseudo-Disruptionen, sondern technologische Durchbrüche, die gesellschaftlichen Reichtum bringen: Klimawandel und Ungleichheit bekämpfen, Mobilitätswende einleiten, Gesundheitssysteme handlungsfähig erhalten, Landwirtschaft nachhaltiger machen. Das ist Wandel, wie wir ihn brauchen.

 

Dieser Artikel ist am 20. September 2018 als Kolumne in der Online-Ausgabe des Handelsblatt erschienen: „Die Digitalisierung, wie wir sie kennen, ist nichts als Pseudo-Disruption“

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